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Die Geburt der Venus

„Sind Sie das Aktmodell?“
Der Professor hinter dem Schreibtisch blickte nur kurz auf, als Sonja sein Büro betrat. Und dann gleich noch mal, nun interessierter. Sonja war eigentlich gekommen um sich einen Seminarschein von ihm unterschreiben zu lassen. Offensichtlich erinnerte er sich nicht an sie, in diesem Fall womöglich auch nicht an ihr Referat über die Entstehung des Surrealismus. Na ja, so berauschend war es wirklich nicht gewesen. Es war ja auch ihr erstes. Sonja studierte im ersten Semester Kunstgeschichte. Aktmodell? Was meinte er damit? Sie wusste aus dem Vorlesungsverzeichnis, dass der Prof auch einen Kursus in gegenständlicher Malerei abhielt. Für die höheren Semester.

Er musterte sie mit Kennermiene, schien ihre Formen, die sich unter dem knapp sitzenden Strickkleid abzeichneten, an klassischen Formen zu messen, schien ihre Tauglichkeit als Modell sehr nüchtern einzuschätzen.
„Sie bekommen zwanzig Mark die Stunde. Mehr ist nicht drin. Sie müssen sich dafür ja auch nur hinstellen, nichts weiter. Seien Sie bitte pünktlich. Neunzehn Uhr im Zeichensaal.“
Sonja sah sich mit seinen Augen – und fühlte sich plötzlich von ihm ausgezogen bis auf die Haut. Vielleicht gab es ja so etwas wie den „Röntgenblick“ wirklich. Sie war groß und gut gebaut. Nicht gerade superschlank, dafür sehr weiblich. Jemand hatte mal gesagt, sie würde ihn an die Venus von Botticelli erinnern, die auf dem berühmten Gemälde gerade aus einer Muschel steigt. „Jemand“, das war genau genommen ihr Exfreund Jens, der mehr auf Twiggy-Typen stand, seine Bemerkung also nicht als Kompliment gemeint hatte. Zurzeit meckerte niemand an der leichten Wölbung ihres Bauches herum und verlangte, dass sie Sport treiben und abnehmen sollte. Vielleicht gefiel sie dem Prof?
„Danke, das wäre alles.“ Er wandte sich wieder dem Papierkram auf seinem Schreibtisch zu.

Sonja spazierte über den Campus. Warum hatte sie den Irrtum nicht richtig gestellt? Sie war nicht das erwartete Aktmodell. Was bildete er sich eigentlich ein? Er war mindestens dreißig Jahre älter als sie, sah nicht mal besonders gut aus. Womöglich war das seine Art, Studentinnen anzumachen. Fast schon verwunderlich, dass er nicht verlangt hatte, sie solle sich auf der Stelle ausziehen. Sonja gestand sich ein, dass seine (scheinbare?) Unbeteiligtheit, sein geradezu sezierender Röntgenblick sie reizten. Was wäre geschehen, wenn...?

„Ziehen Sie sich aus“, befahl der Prof. Sonja gehorchte und begann, sich langsam und wie sie fand, verführerisch, aus dem Kleid zu schälen. Er sah kaum hin.
„Sie brauchen keinen Striptease aufzuführen. Machen Sie voran, ich habe nicht ewig Zeit.“ Also warf sie den Rest ihrer Wäsche einfach ab und stellte sich gerade hin, mit seitlich herabhängenden Armen.
„Halten Sie sich so für ein Malmotiv?“ Er sah streng über die Brille hinweg. „Nehmen Sie irgendeine Pose ein.“
Sonja legte den Kopf leicht schräg, die rechte Hand über die Brust, die linke vor ihr Schamdreieck, stellte das rechte Bein eine Spur nach vorn.
„Schon besser“, lobte der Prof, kam hinter dem Schreibtisch hervor und ging um sie herum. „Wenn Sie noch die Spange aus dem Haar nehmen und es offen über die Schultern fallen lassen, könnten Sie einen direkt an die Botticelli-Venus erinnern.“
Er strich mit den Händen über ihre Schultern, „dieselben leicht abfallenden Schultern“, taxierte ihr Gesicht, „sogar die Nase ist ähnlich“, berührte ihren Bauch, „diese klassische Wölbung ist heute bedauerlicherweise unmodern geworden“, schob ihre linke Hand beiseite um sie durch seine eigene zu ersetzen und spielte mit ihrem Vlies. Seine Stimme hatte ihre sachliche Distanz verloren, war in ein Gurren übergegangen. Da klopfte es an die Tür, und ohne ein „Herein“ abzuwarten, erschien der Kopf eines jungen Mannes im Türspalt.
„Oh, Entschuldigung, ich wollte nicht stören.“
„Sie stören nicht, im Gegenteil, Sie kommen wie gerufen. Das ist das Modell für den Malkurs. Wie finden Sie sie?“ Die Stimme des Profs war wieder gewohnt kühl.
Der Störer – Sonja zumindest empfand ihn als solchen – kam vollends herein und schenkte ihr einen flüchtigen Blick.
„Nicht schlecht“, urteilte er ohne besonderes Interesse. „Aber ich wollte Sie fragen, ob ...“

„Hast du mal Feuer?“ Schade, der Kommilitone riss sie aus ihrer Fantasie. Wegen einer blöden Zigarette. Sonja musste lachen. Was war denn los mit ihr, sie war doch sonst nicht so verträumt. Egal, heute hatte sie keine wichtige Vorlesung mehr, sie würde einfach auf einer Bank sitzen und die Frühlingssonne genießen. Bis neunzehn Uhr war es noch lange hin.

„Meine Damen und Herren“, sprach der Prof mit erhobener Stimme, „Sie alle kennen Botticellis Geburt der Venus. Nun schauen Sie sich unsere junge Dame hier an. Sie hat nicht nur dieselbe Pose eingenommen, sondern sie erinnert tatsächlich an das Meisterwerk. Sie haben also keine Ausrede, eine schlechte Arbeit abzulegen. Zeigen Sie, was Sie können, greifen Sie zum Pinsel ...“
Sonja stand in erwähnter Pose nackt auf einem Podest, die schätzungsweise zwanzig Teilnehmer des Malkurses im Halbkreis um sie herum, hinter ihren Staffeleien hervorlugend. Der Prof ging von einem zum andern, hier kritisierend, da lobend, dort einen Verbesserungsvorschlag machend. Sonja fokussierte ihren Blick auf keines der Gesichter, sie sollten lieber anonym bleiben, das machte es ihr leichter, so hüllenlos auf dem Präsentierteller zu stehen. Bestimmt stand sie schon eine Stunde so und musste noch eine weitere durchhalten. Sie hatte mit einem Mal, das Gefühl, zu schwanken und zuckende Farblichter wahrzunehmen. Sie schloss die Augen.

Die Männer kamen hinter ihren Staffeleien hervor und umringten sie in immer enger werdendem Kreis. Ihre Gesichter waren bemalt wie die von Eingeborenen bei einem Ritualtanz. Sie bewegten sich zu einer unhörbaren Musik. Ihre Pinsel waren in Farbe getaucht, in vielerlei Farben, die schwer abtropften. Schon berührten die ersten Pinsel Sonjas Körper, malten rote Kringel um ihre Brustspitzen, blaue Streifen auf ihren Beinen, gelbe Kreise auf ihren Bauch. Die Pinsel wurden zu Händen, unzählbaren Händen, die über ihren bemalten Körper glitten, die Farben ineinander verschmierten, bis kein Fleckchen ursprünglicher Haut mehr übrig blieb, zu gierigen Händen, die ihren Körper gleich zerreißen würden, verschlingen würden wie ein Rudel hungriger Wölfe ...

„Kommen Sie zu sich, Mädchen!“ Der Prof beklopfte Sonjas Wangen mit der flachen Hand, hielt ihr ein Glas Wasser an die Lippen. „Hier, trinken Sie. Das kann jedem mal passieren, nur eine Kreislaufschwäche. Das kommt vom langen Stehen.“ Er wandte sich den Kursteilnehmern zu: „Wir machen Schluss für heute, meine Damen und Herren. Nächste Woche wieder zur gleichen Zeit. Ich danke Ihnen.“
Der Zeichensaal leerte sich, nur Sonja und der Prof blieben zurück.
„Sie haben sich tapfer gehalten, trotz der kleinen Ohnmacht. Darf ich Sie noch auf ein Glas Wein einladen?“

Sonja erwachte von einem Traum. Sie war in einer riesigen geschlossenen Muschel wie in einem Boot auf dem Meer geschwommen. Eine Welle hatte sie an Land gespült, die Muschel öffnete sich, und als Sonja daraus hervortrat, regneten Blüten auf sie herab. Sie richtete sich im Bett auf. Was für ein hübscher Traum! Sie sah sich im Dämmerlicht um, hatte für einen Moment Schwierigkeiten, sich zu orientieren. Es wurde schon hell, aber der Prof neben ihr schlief noch tief.

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